Matthias Wittland, Geschäftsbereichsleiter
Caritas Pflege & Gesundheit
Caritasverband für die Dekanate Ahaus und Vreden e.V.
Matthias Mört, Fachbereichsleiter
Caritas Pflege & Gesundheit
Caritasverband für das Dekanat Borken e.V.
Henrik Nagel-Fellerhoff, Fachbereichsleiter
Caritas Pflege & Gesundheit
Caritasverband für den Kreis Coesfeld e.V.
Alexia Meyer, Fachbereichsleiterin
Caritas Pflege & Gesundheit
Caritasverband Kleve e.V.
"Uns rennt die Zeit davon"
Pflege trifft Politik: Experten fordern bei Podiumsdiskussion im Borkener Vennehof schnelle Reform des Pflegegesetzes / "Die Pflege muss sich neu aufstellen" / Abschluss der Caritas-Aktionswoche / Messe "Markt der Möglichkeiten"
im Vennehof Borken zum Abschluss einer Caritas-Aktionswoche.
Von links: Moderator Kurt Georg Ciesinger,
Landesministerialrat Markus Leßmann,
MdB Ulla Schmidt,
Landespflegerats-Vorsitzender Ludger Risse,
Pflegewissenschaftler Dr. Klaus Wingenfeld
und Matthias Mört,
Vorstandsmitglied in der Bundesarbeitsgemeinschaft
Leitender Pflegepersonen
und Fachbereichsleiter der Caritas Pflege & Gesundheit Borken.
Dringende Appelle an die Handelnden zum schnellen Handeln in Sachen Pflegereform beherrschten eine Podiumsdiskussion der vier Caritasverbände für die Dekanate Ahaus und Vreden, das Dekanat Borken, den Kreis Coesfeld und den Nordkreis Kleve im Borkener Vennehof. "Wir verlieren jeden Tag enorme Zeit. Dabei können wir uns gar keinen Stillstand erlauben. Das Problem wächst uns über den Kopf", sagte Ludger Risse, Vorsitzender des Landespflegerates NRW, zur "dramatischen Situation" im Pflegebereich. "Es muss eine grundlegende Reform her", forderte Ex-Bundesgesundheitsministerium und SPD-Bundestagsabgeorndete Ulla Schmidt in der Borkener Stadthalle während der hochkarätig besetzten Diskussionsrunde.
Vor 150 Zuhörern, davon viele aus dem Pflegebereich kommend, war die Veranstaltung "Pflege trifft Politk" gleichzeitig Abschluss einer gelungenen Aktionswoche der Caritas Pflege & Gesundheit mit gut zwei Dutzend Veranstaltungen. "Wir haben eine Menge bewegt", zogen die beiden Caritas-Fachbereichsleiter Matthias Mört (Borken) und Matthias Wittland (Ahaus) am Wochenende eine zufriedenstellende Bilanz.
Im Vennehof wurde zwei Stunden über Pflegereform, Pflegebedürftigkeit, Pflegestützpunkte, Pflege-TÜV und Berufsbild diskutiert. Schon weil derzeit geschätzte 50.000 Pflegekräfte fehlten, müsse schnell etwas passieren. Unter Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) sei "nichts passiert. Es herrscht Stillstand", sagte Risse: "Eigentlich müssten 1,4 Millionen Pflegekräfte auf die Straße und nach Berlin, um auf eklatante Missstände aufmerksam zu machen."
Moderator Kurt Georg Ciesinger vom Dortmunder Unternehmen für Medien, Bildung und Politikberatung nannte Zahlen: Im Pflegebereich herrsche ein 20 Prozent höherer Krankenstand als normal, 15 Prozent der Beschäftigten klagten über zu hohe körperliche Belastungen, 60 Prozent der Mitarbeiter würden eher krankgeschrieben als der Durchschnitt der Arbeitsbevölkerung. Die berufliche Verweildauer liege bundesweit bei nur gut acht Jahren, belegten verschiedene Studien.
Auch das Landespflegegesetz könne nicht vernünftig reformiert werden, bevor der Bund nicht reagiere, erklärte Landesministerialrat Markus Leßmann vom NRW-Landesministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter (MGEPA). "Wir stehen im Stau." Dennoch stelle seine Ministerin Barbara Steffens (Bündnis 90/Die Grünen) alles auf den Prüfstand.
Matthias Mört, Leiter des Fachbereichs Pflege & Gesundheit beim Caritasverband für das Dekanat Borken und Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Leitender Pflegepersonen, forderte "neue Rahmenbedingungen. Die Pflege muss sich neu aufstellen. Die Bürokratie muss verschlankt werden. Aber wir rennen der Zeit hinterher."
Auch der Pflege-TÜV ("Pflegetransparenzvereinbarung") müsse auf den Prüfstand. Mört nannte ein Beispiel und erhielt großen Beifall aus dem Publikum: Pflegekräfte würden mehr und mehr aufschreiben (müssen) und dokumentieren denn tatsächlich pflegen.
"Pflegekräfte leisten täglich hochqualifizierte Arbeit"
"Die Dokumentation ist ein Monster", sagte Pflegerat Risse. Und überhaupt habe der Pflegeberuf "ein gänzlich falsches Image. Wir müssen den Leuten draußen klarmachen, welche hochqualifizierte Arbeit täglich verrichtet wird." Medien vermittelten oft nur eine Sensationsberichterstattung und hätten vom tatsächlichen Inhalt der Arbeit "keine Ahnung".
"Die Gesellschaft verdrängt das Problem der Pflege", machte Ministerialrat Leßmann geltend. Sein Ministerium sei dabei, bessere Arbeitsbedingungen in NRW zu schaffen, "den Beruf ungefährlicher zu machen, Arbeitsschutz und Gesundheit zu verbessern."
Dr. Klaus Wingenfeld, Pflegewissenschaftler an der Universität Bielefeld, hat alternative Konzepte zur "Pflegebedürftigkeit" erarbeitet und auch diesen Begriff geprägt. Seine Arbeit findet in der Fachwelt großen Zuspruch. "Die Pflegereform öffnet neue Chancen. Es soll der Mensch stärker in den Blickpunkt gestellt werden. Und wir sollten die Zeit nutzen, endlich zentrale Strukturprobleme zu lösen."
Dafür müssten "viele junge Leute in den Beruf", meinte Ulla Schmidt, bis 2009 in der CDU-SPD-Koalition Chefin des Gesundheitsministeriums: "Es wollen ja immer noch viele Menschen in den Pflegeberuf. Im Jahr 2050 wird es viele alte Leute geben. Ich wünschte mir auch mehr Druck von außen. Wir brauchen eine anständige Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen. Und die Gesellschaft sollte den Pflegeberuf höher einschätzen."
"Markt der Möglichkeiten"
Im Vorfeld der Podiumsdiskussion hatte die Caritas auf einem "Markt der Möglichkeiten" auf verschiedene Themenfelder im Rahmen einer Pflegemesse informiert, zum Beispiel Essen auf Rädern, Wohnraumberatung, Wohnen im Alter, Tagespflege, Hospiz und Palliativpflege oder senioren- und behindertengerechtes Wohnen.